Unvergessliche Momente
Jürgen Schult, der Mann mit dem ersten Bundesliga-Tor
Der 80-jährige Schult wiegelt ab, wenn man ihn auf den wichtigsten Treffer seines Lebens anspricht.
„Ich stand eben zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle…“. Im Grunde genommen hätte das Tor auch jemand anders machen können!“, Jürgen Schult lacht und zuckt mit den Schultern. Die Erinnerungen an den wichtigsten Treffer seines Lebens scheinen den 80-Jährigen schon lange nicht mehr zu beeindrucken.
Geburtstagstor gegen den Europapokalsieger
Schults Treffer in Dortmund ist zugleich Düsseldorfs erstes Bundesliga-Tor – und fällt am Tag seines 27. Geburtstags.
Damals, im August '66, ist er es, der gegen den amtierenden Europapokalsieger Borussia Dortmund trifft. Als ob das nicht schon besonders genug wäre, ist es gleichzeitig auch das erste Bundesligator überhaupt für Düsseldorf. „Es war mein Geburtstag.
Es war unser erstes Bundesligaspiel als Aufsteiger.
Es war einfach mein Tag!“ Halbstürmer Schult, der in seiner Jugend für den DSC 99 kickt, kommt nach zwei gescheiterten Aufstiegsversuchen mit Viktoria Köln 1964 zurück nach Düsseldorf.
Köln macht ihn groß, Düsseldorf macht ihn unsterblich
Schult lernt in Köln unter Hennes Weisweiler, kehrt aber 1965 zurück in seine Geburtsstadt.
„Ich studierte an der Deutschen Sporthochschule und trainierte unter Hennes Weisweiler. Ich verwandelte mich immer mehr in einen Kölner und war erleichtert über die Anfrage aus meiner Geburtsstadt“, erinnert sich Schult mit einem Zwinkern. Köln macht Schult groß, Düsseldorf macht ihn unsterblich.
Der lange Anlauf der Rot-Weißen Richtung Spitze
Schon 1927 erreicht Fortuna die Endrunde um die deutsche Meisterschaft – und scheitert knapp am HSV.
Dabei war der Weg in die Bundesliga für die Rot-Weißen mehr als steinig. Fortuna, seit den 1920ern regelmäßig in der höchsten Klasse des Westdeutschen Spiel-Verbandes zu Hause, zieht 1927 erstmals in die langersehnte Endrunde der deutschen Meisterschaft ein. Eine Niederlage gegen den Hamburger SV verhindert damals aber in letzter Sekunde den Titel.
F95 — Financial Stability Score
Fortuna Düsseldorf — Detaildaten werden aus dem DFL 2.BL-Report nachgepflegt. Aufstiegskandidat mit Großstadt-Potenzial.
Dramatische Wendepunkte
11. Juni 1933: Meister durch das 3:0 gegen Schalke
Fortunas einziger deutscher Meistertitel – und ein Erfolg, den Schult nur aus Erzählungen kennt.
„Ich war noch nicht geboren, als Düsseldorf seinen ersten großen Erfolg feierte“, erinnert sich Schult und spricht vom 11. Juni 1933. Düsseldorf zwingt Schalke mit 3:0 in die Knie und holt den Deutschen Meistertitel an den Niederrhein. Historisch und bis heute einmalig. Nach der Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 bleibt den Düsseldorfern der Aufstieg zunächst verwehrt.
Trotz guter Leistungen reichen zwei dritte Plätze in den ersten beiden Spielzeiten am Ende noch nicht für das Oberhaus.
Die Niederrheiner gehören aber schon früh zur Spitzengruppe der Regionalliga West, was auch Jürgen Schult, 50 Kilometer weiter südlich, nicht verborgen bleibt: „Obwohl ich zu der Zeit in Köln unter Vertrag war, habe ich die Geschehnisse in Düsseldorf nie aus den Augen verloren“, erzählt der Senior.
Aus Köln den Traumverein im Blick
Vertraglich in Köln gebunden, verfolgt Schult die Erfolge der Fortuna sehnsüchtig aus der Ferne.
„Obwohl ich zu der Zeit in Köln unter Vertrag war, habe ich die Geschehnisse in Düsseldorf nie aus den Augen verloren“, erzählt der Senior. Die Füße in Köln, das Herz in Düsseldorf, beobachtet Schult die Erfolge seiner Heimatstadt sehnsüchtig aus der Ferne. „Düsseldorf war mein Traumverein“, wird er in den kommenden Jahren noch viele Male sagen.
Er ahnt nicht, dass auch Fortuna ein Auge auf ihn geworfen hat Als Schult sich im Sommer 1965 das F95-Trikot zum ersten Mal überstreift, fühlt es sich sofort nach Heimat an.
1965: Heimkehr ins F95-Trikot
Schults Wechsel zur Fortuna 1965 fällt mit der Herbstmeisterschaft und einer historischen Saison zusammen.
Als Schult sich im Sommer 1965 das F95-Trikot zum ersten Mal überstreift, fühlt es sich sofort nach Heimat an. „In Düsseldorf fand ich alles, wonach ich gesucht hatte“ und noch mehr. Da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, erreichen die Fortunen im Dezember 1965, in der dritten Spielzeit nach Bundesliga-Gründung, die Herbstmeisterschaft und läuten mit ihrem neuen Stürmer eine der erfolgreichsten Saisons ihrer Geschichte ein.
Die Aufstiegsrunde 1966 gegen Hertha, Pirmasens und Offenbach
Mit nur zwei Saison-Niederlagen geht Düsseldorf in die Aufstiegsrunden-Gruppe 1.
Mit nur zwei Saison-Niederlagen souverän an der Spitze, trifft Düsseldorf in der Aufstiegsrunden-Gruppe 1 auf Hertha BSC, den FK Pirmasens und Kickers Offenbach. „Ich erinnere mich noch gut an den 2:0-Heimsieg gegen Pirmasens, der uns am vorletzten Spieltag mit ihnen punktemäßig gleichziehen ließ“, sagt Schult und grinst. Noch heute bereiten ihm die Erinnerungen an den 26. Juni 1966 Freude.
„Es waren 15.000 Fortuna-Fans am Bieberer Berg als wir am letzten Spieltag in Offenbach eingelaufen sind.
In das Stadion passten nur 20.000 Zuschauer.“ Lachen und Kopfschütteln über die Dominanz der Düsseldorfer an diesem historischen Tag.
5:1 in Offenbach: der Aufstieg in die Bundesliga
Am Bieberer Berg führt Düsseldorf zur Pause 3:0 und schießt sich endgültig nach oben.
„Wir konnten quasi nicht verlieren“, fasst Schult amüsiert zusammen. Obwohl die Pirmasenser an diesem letzten Spieltag 2:1 gegen Hertha gewinnen, schafft Düsseldorf in Hessen die Sensation. Den gefürchteten Bieberer Berg fest in Fortuna-Hand führen die Rot-Weißen bereits zur Pause 3:0. „Peter Meyer und Waldi Gerhardt haben uns direkt zu Beginn deutlich in Führung gebracht, bevor ich dann in der 2. Halbzeit auch ran durfte.“ Jürgen Schult und Werner Biskup erhöhen mit Gänsehaut unter dröhnenden Fangesängen zum 5:0. Es folgt ein Ehrentor für Offenbach und mit dem Abpfiff explodiert der Kessel.
Bestechungsvorwürfe nach dem Offenbach-Triumph
15.000 Fortunen stürmen den Platz – wenig später kursieren Gerüchte über 35.000 Mark Schmiergeld.
„15.000 Fortunen stürmten den Platz. Ich konnte nicht fassen, was da passierte.“ Schult schaut zu Boden und die Emotionen scheinen ihn kurz zu übermannen. „Leider rief unser klarer Sieg auch Kritiker auf den Plan.“ Stimmen werden laut, dass der Sieg in Offenbach mit 35.000 Mark erkauft worden sei.
Beweise?
Fehlanzeige. Gerüchte?
Umso mehr. „Der Verein erstickte die Vorwürfe mit einer Einstweiligen Verfügung, doch so wirklich verschwunden ist der Vorwurf nie.“ Schult weiß nichts von Bestechung.
Er spielt an diesem Tag schlichtweg guten Fußball.
20. August 1966: vom Fanliebling zur Legende
Im ausverkauften Rote-Erde-Stadion fällt das erste Bundesligaspiel der Fortuna auf Schults 27. Geburtstag.
Der Fanliebling ist für Düsseldorf längst unverzichtbar, doch es ist der 20. August 1966, der aus dem Geburtstagkind eine Legende macht. „Wir spielten in einem ausverkauften Rote Erde-Stadion in Dortmund“, beginnt Jürgen Schult seine Lieblingsgeschichte und blickt verträumt in die Ferne. Es scheint, als würde er den Moment noch einmal durchleben.
„Dass unser erstes Bundesligaspiel auf meinen 27. Geburtstag fiel, war das schönste Geschenk, das ich mir vorstellen konnte“.
Schults Tor in der 65. Minute
Nach torloser erster Hälfte landet der Ball beim Stürmer – und der macht seinen Job.
An diesem Samstag im August trifft Aufsteiger Düsseldorf im ersten Bundesligaspiel auswärts auf Europapokalsieger Borussia Dortmund. Nach einer torlosen ersten Hälfte landet der Ball in der 65. Minute bei Stürmer Jürgen Schult. „Ich habe nicht nachgedacht und einfach meinen Job gemacht“, und den macht er gut.
„Der gegnerische Torhüter Bernhard Wessel hatte an diesem Tag auch Geburtstag, aber keinen so glücklichen wie ich.“ Das verschmitzte Grinsen kann den Stolz in Schults Stimme nicht verbergen.
2:1 in Dortmund – ein Tor für die Ewigkeit
Erst nach Abpfiff wird Schult klar, dass sein Treffer das erste Bundesliga-Tor der Fortuna ist.
Düsseldorf gewinnt das Spiel mit 2:1, doch die Bedeutung des Tores wird dem Stürmer erst nach Abpfiff klar. Es ist das erste Bundesliga-Tor für Düsseldorf. Ein Moment für die Ewigkeit, der für so viel mehr steht: „Die drei Jahre bei der Fortuna, für mich als gebürtiger Düsseldorfer sowieso mein Traumverein, waren mein ganzer Stolz“, schließt Jürgen Schult und lässt mit einem Lächeln den wichtigsten Moment seines Sportlerlebens ein weiteres Mal Revue passieren.